SANGEN

Meine plattdeutschen Wurzeln

Irgendwann in den 1970er Jahren im ostfriesischen Flachsmeer: Ich sitze auf einem alten Sofa mit geschwungener Rückenlehne, meine beiden Cousins links und rechts neben mir. Hinter uns das niedrige Küchenfenster, vor uns ein gedeckter Esstisch mit Wachstuch. Der warme, selbst gebackene Stuten duftet uns vielversprechend in die Nase.

Unsere Oma klappert am holzbefeuerten Küchenherd herum, während Opa mit am Tisch sitzt - in't Hörn. Er liest Nachrichten aus der Zeitung vor, die unmöglich wahr sein können. Rasselnd lacht er mit seiner von jahrelangem Pfeifengenuss und verschwiegenen Kriegserinnerungen gezeichneten Stimme, als wir ihn mit ungläubigen Augen anstarren.

Nach dem Essen geht Oma an die Schublade mit den heißbegehrten Lakritzen und gibt jedem von uns ein Teil. Als sie zum Abwaschen den Raum verlassen hat, erhebt Opa sich mühsam aus seinem Lehnstuhl, schlurft zur Schublade, greift nach der Lakritztüte, hält sie uns vor die Nase und sagt: "Nu langt man gau noch maal richtig to. Avers nich Oma vertellen!"

 

Sie sind meine Wurzeln.

Abbo († 1981) und Elsine († 1984).

 

Und an ihrer Türklingel stand der Name "SANGEN".

 

What have you done to my language?

 

2009 schrieb ich für mein erstes Album den Titel "Mama" auf Plattdeutsch. Es war nicht meine Absicht, diese Sprache durch Musik zu erhalten. Nein, es war als mein einziges plattdeutsches Lied gedacht und unter großem Aufwand entstanden, hatte ich Plattdeutsch doch nur durchs Hören gelernt und nie selbst gesprochen, so wie die meisten Kinder meiner Zeit und davor.

Meine Mutter berichtet von diesem Trend ab den 50er Jahren, der so  einleuchtend war. Kinder sollten Hochdeutsch lernen, "damit die Lehrer sie verstehen". Das bedeutete bessere Bildungschancen. Ein möglicher Verfall der Sprache wurde nicht bedacht.

Leider war dieser Umgang mit der plattdeutschen Sprache auch mit der Vorstellung von einer gewissen Minderwertigkeit verbunden. Und obwohl ich korrektes Hochdeutsch lernte und sehr schnell lesen und schreiben konnte, war da immer das Gefühl, etwas verbergen zu müssen. Hinter "Mama" stand für mich der Wunsch, meine eigene Geschichte hilfreich zu verstehen und mich damit zu versöhnen. Und gut. Doch genau das passierte dann auch.

Um zu verstehen, brauchen wir Sprache

In dem Moment, in dem ich mich mit dieser Sprache, meiner Muttersprache, verband, kam ein Verständnis für tiefere Fragen. Es ist nahezu magisch! Sprache hat Macht und es liegt an uns, wie wir diese Macht nutzen.

 

"Mama" öffnete in mir eine Tür, und Rückmeldungen nach Konzerten spiegeln mir immer wieder das Bedürfnis vieler Menschen, die wie ich mitten im plattdeutschen Sprachraum hochdeutsch erzogen wurden: einen Kreis zu schließen und sich mit dieser Sprache wieder zu verbinden.

MEIN Bedürfnis ist es, diese Sprache mit ihrem verkannten Wert zum Leuchten zu bringen!

 

Durch jeden meiner plattdeutschen Texte verstehe ich ein Stück mehr vom Leben mit all seinen Herausforderungen und erkenne den tieferen Wunsch, das Lieben zu lernen - auch in den Konflikten und Dramen in und zwischen uns Menschen. Davon handeln meine Texte.

Das alles bedeutet SANGEN für mich, und ich wünsche mir, viele Gleichgesinnte kennenzulernen und den Weg gemeinsam zu gestalten - zurück zu unseren Wurzeln einerseits und raus aus den alten Mustern andererseits, hin zu einem wertschätzenden und respektvollen Miteinander in dieser Welt.

 

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Sabine Hermann

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